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Dr. Georg Berkemeier
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Georg Berkemeier

"Herr Ritter, wisst: Sixtus Beckmesser Merker ist!"


"Was nützt mir meine Meisterpracht?"
Noch eine Anmerkung zum Merker in Wagners
"Die Meistersinger von Nürnberg"

Erst mit Adornos "Versuch über Wagner" (1952), eigentlich erst seit Walter Jens' Bayreuther Programmheft-Aufsatz von 1974 ist versucht worden, der Figur des Beckmesser in Wagners "Meistersinger" nachzuspüren und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. "Er stürzt wütend fort und verliert sich unter dem Volke" -: Diese letzte Beckmesser betreffende Regieanweisung Wagners (III, 5), so könnte man fast meinen, hat lange Zeit auch in der Literatur über Wagner und seine "Meistersinger" nachgewirkt. Allenthalben wurde meist peripher zur Kenntnis genommen, daß Wagner mit der Figur seines Merkers Beckmesser Rache nehmen wollte an seinem - Wagners - damals vermeintlich feindlichsten und tatsächlich seriösesten und einflußreichsten Kritiker, Eduard Hanslick (1825-1904), und über Beckmesser-Hanslick hinaus der ganzen Zunft kritischer Widersacher eins auszuwischen gedachte. Von diesem Ausgangspunkt her seien ein paar weitere Anmerkungen gestattet.
Indem er Beckmesser ins Unglück rennen läßt und der allgemeinen Lächerlichkeit preisgibt in einem Maße, das "im unvoreingenommenen Betrachter" sogar "eher Mitgefühl und Mitleid als Verachtung"1 wachruft, glaubt Wagner, der den Personen von Sachs und Stolzing nachgewiesenermaßen2 autobiographische Züge verleiht, mit Hanslick und allen Kritikern abzurechnen: ihr Schicksal ist schlußendlich das Gespött, sie bekommen den Abgang, den sie verdienen: "wütend verlieren" sie sich in der Menge, will sagen: gehen unter mit ihrer kritischen Meinung, werden vom hohen Postament gestoßen, auf das zu stellen sie sich erkühnten und auf dem sicher zu stehen sie glaubten. Wagner läßt Stolzing und Sachs hinsichtlich Beckmessers agieren, wie er selbst eben mit Hanslick und Genossen umgeht: die Art ist gleichermaßen perfide und grausam. Der eine, Stolzing, entblödet sich nicht, den Merker nach echter Ritterart physisch auslöschen zu wollen: "den Lung'rer mach ich kalt" (II, 6), während der andere, Sachs-Wagner, in erstaunlicher Intrigantenmanier auf die psychische "Vernichtung" Beckmesser-Hanslicks abzielt; und in der Tat: dieser Tort ist grausamer, dauert länger und kann besser ausgekostet werden3. Das Parallelbeispiel im Leben Wagners ist allzu bekannt: Die von Wagner persönlich vorgenommene Lesung des "Meistersinger"-Textes im Hause des Wiener Arztes Standhartner, der Hanslick als nicht vorgewarnter Gast beiwohnen mußte, steht den Fallen, in die Sachs Beckmesser tappen läßt, in nichts nach. "So wird Beckmesser von Sachs dem Gelächter des Volkes ausgeliefert: einem Gelächter, das eine Hinrichtung ist"4 und Hanslick gleichermaßen treffen soll: Der Kritiker als Zielscheibe öffentlichen Spotts, eine Karikatur a priori.

Walter Jens hat die Position und Funktion eines Nürnberger Stadtschreibers sowie die des Merkers bei den Meistersingern zur Sachs-Zeit historisch gewertet und beschrieben und dann die Gestalt Beckmessers, die ja beide Ämter in sich vereint, soziologisch und psychologisch ausgedeutet und konnte ihr damit im Opernkontext eine neue Dimension geben.5 Die höchst aufschlußreichen Bemerkungen von Jens gipfeln in der Folgerung und Forderung des "einzig konsequenten Arrangements des Finales":6 "... heißt das, daß Beckmesser am Ende keinesfalls verschwinden darf. Mag sich der verliebte Pedant (= die Karikatur. Anm. d. Verf.) getrost unter den Festgenossen verlieren: Der Meister (= der von den Meistersingern als einer der ihren mit Amt und Ehren des Merkers versehene und als öffentliche Standesperson geachtete und "hochgelahrte" (I, 3) Stadtschreiber. Anm. d. Verf.) hat zurückzukehren - geholt von Sachs, der auf ihn zeigt, wenn er den Satz von jenen deutschen Meistern singt, die es zu ehren gilt: ... Der Stadtschreiber hat auf der Bühne zu bleiben. Er wird noch gebraucht."7 Jens' Konsequenz scheint nur zu schlüssig und wurde seit dieser Betrachtung von vielen Regisseuren beherzigt, nicht zuletzt selbst von Wolfgang Wagner, der dann 1974 in seiner seit 1968 in Bayreuth gespielten Inszenierung den Schluß im Sinne von Jens änderte, den Merker auf der Bühne beließ, damit dieser, schließlich seiner fauxpas einsichtig geworden, im allgemeinen Jubel mit Sachs Versöhnung feiere - aber: Richard Wagner wollte es anders. Sein Beckmesser s o l l das oben beschriebene Schicksal nehmen - und hier geht es um das Schicksal einer Person, das vom Autor so und nicht anders gewollt wird und vom Regisseur nicht umgedeutet werden darf, ohne daß hier Wesentliches in Wegfall geriete: die Bestrafung, die Wagner Beckmesser zuteil werden läßt, der Wille Wagners, über Beckmesser Hanslick und die ganze Zunft nicht wohlgesonnener Kritiker in den Orkus zu schicken.
Es hieße sicher, Wagner zu unterschätzen, wenn man ihm unterstellte, sich über das Widersprüchliche seines Beckmesser nicht im Klaren gewesen zu sein oder sich die einfachen Fragen nicht gestellt zu haben: Warum wird Beckmesser derart bestraft? Wo liegen seine Verfehlungen? Womit hat er das verdient?
Natürlich lassen sich für Beckmessers Charakter einige grob-unangenehme Züge konstatieren, und sicher ist sein Verhalten Sachs gegenüber im I. Akt, als er dem Schuster sein Handwerk vorwirft, nicht gerade gentlemanlike. Geradezu bemitleidenswert unverständlich, aber nicht bösartig oder hinterhältig, wenn man es richtig bedenkt, wird seine Handlungsweise vom II. Akt an. Er, dem Vater Pogner quasi stellvertretend für Volkes- und Meistermeinung ausdrücklich seine Wertschätzung versichert - "Wer böte Euch als Meister Trutz?" (I, 3) - verrennt sich - vielleicht durch die Geschehnisse in der Katharinenkirche doch beeindruckt und nervös geworden - in eine Kette von Torheiten, die sich mit Person und Amt eines Stadtschreibers, Merkers der Zunft und Meistersingers sowohl aus dem Blickwinkel Nürnberger Mitbürger wie auch aus dem des unbefangenen Zuschauers kaum, nein: überhaupt nicht auf einen Nenner bringen lassen. Diese Torheiten, ja Narreteien werden ja vor allem auf dem Gebiet produziert, auf welchem Beckmesser offensichtlich Bemerkenswertes und Vorbildliches zu leisten im Stande war: dem der Kunst. Hätte man ihn sonst zum Merker gewählt? Nicht seine Befangenheit Stolzing gegenüber führt ihn zu seinem Urteil über dessen Lied, nein: Walther verstößt eindeutig gegen die leges tabulaturae, als deren Sachwalter der Merker zu amten hat. Und diese leges tabulaturae sind sicher nicht nur als Machtmittel einer kleinen, sadistischen Beamtenseele zu verstehen, auch wenn Wagner gerade hier Ironie und Spott ansetzen läßt: "Darauf ist's ja mit dem wunderlichen pedantischen Kram abgesehen: lachen soll man."8 Aber immerhin ist kein Geringerer als Hans Sachs stolz darauf, seine Regelkenntnis und seinen Einsatz für die Regeln ins rechte Licht rücken zu können: "Gesteht, ich kenn' die Regeln gut; und daß die Zunft die Regeln bewahr', bemüh' ich mich selbst schon manches Jahr" (I, 3). Daß dem so ist, bezeugt David, der die nach eigenem Bekunden bei Sachs erworbenen Regelkenntnisse vor Stolzing darlegt (I, 2), aber auch Sachs selbst, der Stolzing die Regeln dann später - pädagogisch einfühlsam! - erläutert und beibringt (III, 2).
Und Beckmesser? Wie kann es angehen, daß ausgerechnet er die Regeln der Meister-Kunst nach allen Regeln der Kunst, dies zu tun, über den Haufen wirft, indem er einmal - wie Egon Voss darstellt9 - nicht bemerkt, daß sein Werbelied kein Ständchen (Liebeslied) ist und er damit "am falschen Platz"10 ist (II, 6) und zum anderen ein Lied vorträgt (III, 5), über dessen Sinn er sich absolut nicht klargeworden ist. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle offensichtlichen und versteckten Widersprüche in der Person Beckmessers zu analysieren und darzustellen, aber es kristallisieren sich wohl vor allem zwei Fragen heraus:

  1. Kann diese von ihren Autor bewußt als Karikatur, ja als "halbe Portion" angelegte widersprüchliche Figur überhaupt nur annähernd in der Lage sein, dramaturgisch das Gegengewicht zu zwei derartig exponierten Gestalten wie Sachs + Stolzing auszumachen (das +-Zeichen ist hier bewußt gewählt!) und diesen Paroli zu bieten, oder ist sie nicht a priori zum Scheitern verurteilt? Hat also Wagners immer wieder bewundertes dramaturgisches Gespür vor seinem Beckmesser haltgemacht?
  2. Wie ist es um Wagners Einstellung zur Historie bestellt, wenn er mit der Person eines Nürnberger Stadtschreibers und Merkers der Meistersinger-Zunft derartig spielt und umspringt wie beschrieben, und wie muß das Verhältnis Wagners zur Kunstkritik bewertet werden, wenn er seinen Beckmesser als Prototyp des Kritikers vorführt?

Daß Beckmesser bei dem dramaturgischen Übergewicht seiner Gegenspieler keine Chance hat, auch wenn es nach dem ersten Akt nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich 1:0 für ihn steht - ein Pyrrhus-Sieg, wie man vorausahnt -, ist von Anfang an klar; und diese "undramatische" Konstellation ist von Wagner sicher als solche erkannt worden, mußte aber zurücktreten gegenüber der Absicht des Autors, dem Kritiker (Hanslick usw.) wehzutun, ihn als kleinkarrierte Un-Person, die zu Leuten von Format eines Sachs oder Stolzing (Wagner) höchstens aufzublicken hat, zu präsentieren. Diese Lust, den Schwächeren zum Vergnügen zu quälen, dieser "sadistische Demütigungsdrang" ist ein Wesenszug Wagners, den in seiner ganzen Tragweite deutlich gemacht zu haben Theodor W. Adorno vorbehalten blieb.11 Walter Jens weist die Parallelität auf: Das von Adorno gewählte Beispiel der Person Mimes, der den Quälereien seines Bruders Alberich sowie denen der "Lichtgestalten" Wotan und Siegfried ausgesetzt ist, hat sein Pendant in der Person Beckmessers und deren übermächtigem Antipoden Sachs: "In der Tat ist der von Wotan düpierte Mime ein alter ego des - von Sachs überlisteten - Beckmesser".12
Adorno und Jens sehen in Mime und Beckmesser Judenkarikaturen - "all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen13 - und in der Tat: Wagners bekannter Antisemitismus ist gesteigerter Haß, der nur durch die Freude an der Qual des Gehaßten bis zu dessen Untergang kompensiert werden kann. In diesem Zusammenhang wird - auch durch Adorno14 - auf den Tot von vierhundert Juden beim Ringtheaterbrand in Wien hingewiesen, der - nach Glasenapp - Wagner zu Witzen inspirierte. Und Wagner selbst schließt seine Betrachtungen "Über das Judentum in der Musik" zweideutig-zynisch: "Aber bedenkt, daß nur Eines Eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann: Die Erlösung Ahasver's - der Untergang."15 Und - um mit Tristan zu fragen - "zu welchem Los erkoren" als zu Qual und Untergang haben Typen wie Mime oder gar Beckmesser ihr Dasein zu fristen? Sie, die ihr Autor als Judenkarikaturen angelegt und damit ihr Schicksal von vornherein besiegelt hat? Da ist es ganz und gar sekundär, ob es sich um einen Nürnberger Stadtschreiber und Merker der Zunft handelt, eine Gestalt im Kontext der Historie. "Hier gilt's der Kunst" des Wagnerschen Humors: dem Lachen ob der Qual des Unterlegenen - und das vor allem, wenn es, wie im Falle Beckmesser, darum geht, gleich zwiefach austeilen zu können: die Prügel treffen gleichermaßen den Juden wie den Kritiker, als deren Exponenten Wagner seinen Merker auf dem vorgewiesenen Weg ins Verderben stolpern läßt. Die Richtung des Weges ist bestimmt durch das intendierte Ziel von Qual und Vernichtung und damit - bei Wagner - vom Auskosten der Möglichkeit, persönlichen Haß zu kompensieren und Rache zu nehmen für von Juden oder Kritikern (oder gar erst beides in einem!) erlittene Unbill. Und auf diesem Wege gibt es für dramaturgische oder historische Rücksichtnahmen wenig Platz.
Ein Beleg dafür, wie gering Wagner historische oder faktische Realitäten interessierten, wenn es darum ging, einen (vermeintlichen) Feind zu diffamieren, ist auch die Tatsache, daß er unbedenklich und ohne Prüfung des Wahrheitsgehaltes dieser Behauptung Eduard Hanslick zum Juden deklarierte,16 was diesen freilich eher amüsierte: "Wagner mochte keine Juden leiden, darum hielt er jeden, den er nicht leiden konnte, gern für einen Juden. .... Mein Vater und seine sämtlichen Vorfahren, soweit man sie verfolgen kann, waren erzkatholische Bauernsöhne, obendrein aus einer Gegend, welche das Judentum nur in Gestalt des wandernden Hausierers gekannt hat. .... Wagners Einfall, meine Abhandlung vom Musikalisch-Schönen ein "mit außerordentlichem Geschick für den Zweck des Musikjudentums verfaßtes Libell" zu nennen, ist, milde gesagt, so unglaublich kindisch, daß er vielleicht meine Feinde damit ärgern konnte, mich selbst gewiß nicht."17
Und damit sind wir nun bei der Person Eduard Hanslicks angelangt, dem Beckmesser-Vorbild, die Wagner zunächst sogar unter ihrem Namen als "Veit Hanslich" oder - in einer geschickten Verballhornung - als "Hans Lüg" ins Spiel bringen wollte.18 Bei näherem Hinsehen ergeben sich tatsächlich erstaunliche Parallelen zwischen Hanslick und Beckmesser; allerdings finden sich diese Parallelen keineswegs im Bereich negativer Charakterzüge oder Handlungsweisen, sondern eher in einer beiden gemeinsamen konservativ geprägten kritischen Grundhaltung. In seinem Hanslick-Artikel19 beschreibt Friedrich Blume die ästhetischen Überzeugungen Hanslicks und deren Provenienz aus dem Bildungsideal des großbürgerlichen Zeitalters.20 "Von hier aus muß auch verstanden werden, daß der Einbruch eines fremden Elementes in diese geordnete Wertewelt als gewalttätiger Umsturz, als Gefahr drohender Anarchie, als Dämmerung der Chaos erscheinen mußte. .... In Wagner und seinem Kreis hat er [Hanslick] das aufrührerische, das demagogische Wesen gewittert, und gegen diesen Umsturz der Wertewelt, in der er mit allen Fasern lebte, hat er sich zur Wehr gesetzt."21
Die Parallele zu Wagners Beckmesser und dessen kritischer Haltung dem ungestümen jungen Ritter aus Franken gegenüber drängt sich geradezu auf. "In seiner [Hanslicks] Gegnerschaft zu Wagner spiegelt sich die Abwehr einer alternden hohen Kultur gegen das mit Argwohn beobachtete und als vulgär empfundene Neue, das man doch wider Willen als das Kommende erkennen mußte."22 Die Erkenntnis einer unabwendbaren und unaufhaltsamen Weiter-Entwicklung der Kunst billigt der Regisseur Joachim Herz auch Beckmesser zu, wenn er ausführt, daß dieser vielleicht gar den geheimen Wunsch hege, "daß dieser begabte Bursche [Stolzing] sich bei ihm [Beckmesser] das nötige (...) Rüstzeug für eine echte künstlerische Entwicklung holen möge...."23 Das heißt doch, daß Beckmesser das Talent des anderen erkennt und anerkennt (daß er Stolzing am Singen hindert, hat hierin seine Ursache:24 Beckmesser sieht in Stolzing plötzlich einen potenten neuen Bewerber um die Hand Evas; andernfalls brauchte er sich ja um seinen eigenen Sieg im Wettgesang keine Sorgen zu machen). Auch Hanslicks vielfältige Einlassungen beweisen, daß er Wagners Kunst gegenüber alles andere als ein von vornherein ablehnender und verdammender Kritiker war, der Wagners Größe nicht erkannt und ihr Bewunderung gezollt hätte, wenn auch bei der ihm eigenen klassizistischen Kunstauffassung oft aus kritischer Distanz. Hanslicks Werkkritik der "Meistersinger" anläßlich der Wiener Erstaufführung des Werkes (1870)25 vermittelt in besonders deutlicher Weise Einblick in die Haltung des Rezensenten: hier erstaunt vor allem die Unvoreingenommenheit und Sachlichkeit. Bereits zuvor hat Hanslick als Mitglied der Kommission zur Ausstattung der neuen Wiener Hofoper gegen starken Widerstand die Aufstellung einer Wagner-Büste durchgesetzt: "Hat man ja so eine Feind bedacht?" (III, 3)26
Es wird also von Seiten des "Merkers" nicht mit gleicher Münze heimgezahlt....
Mehr als nur eine nettes Gedankenspiel wäre es, hier die Parallele fortzuführen und sich auszumalen, wie Beckmesser am Tage nach dem Johannisfest wohl mit seinen Meisterkollegen oder den Mitgliedern der ihn verlacht habenden Menge verfährt, er, dem Amt und Position ja nicht wenig Macht zu Rache geben...
Aber Wagners Werk endet mit dem Triumph Hans Sachsens und der verheerenden Niederlage des Merkers. Und die Aufforderung: "Mach' er bonne mine à mauvais jeu: So bleibt er quasi doch noch eine Standsperson", die an den gleichfalls düpierten Ochs auf Lerchenau am Ende des Rosenkavalier ergeht,27 ist auf Beckmesser sicherlich nicht umzumünzen. Wagners Beckmesser ist zu bemitleidenswert und grausam hergenommen worden, als daß das "Rosenkavalier"-Zitat "Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts" hier angewendet werden und einen versöhnlichen Abschluß herbeiführen könnte. Es heißt, der Persönlichkeit und dem Charakter sowie der daraus resultierenden Absicht Richard Wagners G e r e c h t i g k e i t widerfahren zu lassen, wenn man hinsichtlich Beckmessers in der letzten Szene der "Meistersinger" der Regieanweisung folgt: "Er stürzt wütend fort und verliert sich unter dem Volke."


1 Vgl. Peter Wapnewski, Von den Dämonen auf der Festwiese, SZ-Feuilleton v. 7./8. Juli 1979. zurück
2 Dem kann hier im einzelnen nicht nachgegangen werden. Aber allein die Identifikation Beckmesser-Hanslick läßt logischerweise den Schluß auf die erwähnte Identifikation Wagners selbst mit den beiden "Lichtgestalten" des Werkes als berechtigt erscheinen. zurück
3 Und Wagner läßt den Zuschauer genüßlich lächeln ob der Qual, der er den Merker aussetzt: in der (genialen) Musik zur Pantomime (III, 3) - man vergleiche die zugehörigen Regieanweisungen! - wird der psychische Zustand Beckmessers in die Nähe des Krankhaften gerückt - und dies nicht nur als Folge der nächtens zuvor erlittenen physischen Qual. zurück
4 Vgl. Carl Dahlhaus, Richard Wagners Musikdramen, Velber 1971, S. 68. zurück
5 Vgl. Walter Jens, Ehrenrettung eines Kritikers, zitiert nach: Attila Csampai und Dietmar Holland (Hrsg.), Richard Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg. Texte, Materialien, Kommentare. Reinbek bei Hamburg, 1981, S. 249 ff. zurück
6 Ebenda, S. 257. zurück
7 Ebenda, S. 256 f. zurück
8 Vgl. R. Wagner, Brief an Mathilde Wesendonck v. 12. III. 1862, Absendeort: Biebrich, wo Wagner damals für längere Zeit einen Wohnsitz hatte. zurück
9 Egon Voss, Wagners "Meistersinger" als Oper des deutschen Bürgertums, in: Attila Csampai und Dietmar Holland (Hrsg.), Richard Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg, a.a.O., S. 9 ff., hier: S. 25. zurück
10 Ebenda, S. 25.zurück
11 Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner, Frankfurt am Main, 1952; hier zitiert nach der Taschenbuchausgabe, München/Zürich 1964. zurück
12 Walter Jens, a.a.O., S. 250. zurück
13 Th. W. Adorno, a.a.O., S. 19.zurück
14 Ebenda, S. 23. zurück
15 Richard Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen, Leipzig 1888, Band 6, S. 435. zurück
16 "Die Quelle dieser Unterstellung ist die Auflage 1869 von R. Wagners "Judentum in der Musik", in die der Verfasser Hanslick "eingeschmuggelt" hat" (MGG-Artikel "Hanslick", Bd. V, Sp. 1482-93; hier: Sp. 1485/86). zurück
17 Vgl. Eduard Hanslick, Aus meinem Leben, Berlin 1894, Bd. II, S. 10. zurück
18 Vgl. die Personen des zweiten und dritten Prosaentwurfs Wagners (Wien 1861). Der Name taucht auch - verballhornt - im endgültigen Text auf: "Ja, anderswo soll's ihm erblühn, als bei Euch garst'gen neid'schen Mannsen; wo warm die Herzen noch erglühn, trotz allen tück'schen Meister Hanssen!" (II, 4) Wenn hier auch unmittelbar Hans Sachs der Angesprochene ist, die Namensähnlichkeit zu "Hanslick" und der von Wagner gewählte Plural zeigen die eigentliche Absicht der Sentenz. Wagner griff in der endgültigen Textfassung (Paris 1862) mit "Beckmesser" auf einen authentischen Namen zurück, den er in dem alten Buch von Wagenseil gefunden hatte (vgl. P. Wapnewski, a.a.O.). zurück
19 Vgl. Friedrich Blume, "Hanslick", in MGG, Bd. V, hier Sp. 1487. zurück
20 Dem kann hier nicht im einzelnen nachgegangen werden. zurück
21 Vgl. Friedrich Blume, "Hanslick", a.a.O., Sp. 1487. zurück
22 Ebenda, Sp. 1488. zurück
23 Vgl. Joachim Herz, Der doch versöhnte Beckmesser, in: Felsenstein/Herz, Musiktheater, Leipzig, 19762; hier zitiert nach: Attila Csampai und Dietmar Holland (Hrsg.), Richard Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg, a.a.O., S. 213. zurück
24 Ebenda, S. 213 f. zurück
25 Eduard Hanslick, "Die Meistersinger" von Richard Wagner, in: E. Hanslick, Die moderne Oper. Kritiken und Studien, Bd. I, Berlin 1875. Der in dem hier angesprochenen Zusammenhang ungemein lesenswerte und wichtige Beitrag ist abgedruckt in Attila Csampai und Dietmar Holland (Hrsg.), a.a.O., S. 217 ff. zurück
26 Mit diesen Worten weist Hans Sachs den mißtrauischen Beckmesser auf die nächtliche Fertigstellung der Schuhe hin. Wenn man die Umstände bedenkt, die der Erinnerung Beckmessers ja alles andere als angenehm sein können, ein boshafter Scherz. Auf die Haltung Hanslicks gegenüber Wagner trifft das Zitat ohne diese ironische Hintergründigkeit zu. zurück
27 Hugo von Hofmannsthal weist in einem Brief an Richard Strauss (Rodaun, 1. VII. 27) auf eine entfernte Verwandtschaft zwischen den Operndichtungen von "Meistersinger" und "Rosenkavalier" hin. In der Tat ergeben sich bei näherem Hinsehen einige verblüffende Parallelen, auf die in diesem Rahmen aber nicht eingegangen werden kann. zurück

Dieser Artikel ist als Originalbeitrag in Sequenzen, Festschrift Maria Elisabeth Brockhoff (Hrsg. Georg Berkemeier / Isolde Maria Weineck, Münster 1982, S. 19 ff.), und unter der Überschrift "Sir Knight, hear me: Sixtus Beckmesser is the marker!" - "What use is my glorious mastery?" in der Übersetzung von Elisabeth MacMichael in Wagner News, The Newsletter Of The Wagner Society Of America (Volume XIV, No. 3), Chicago Ill., erschienen.


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Stand: 01/2004